Interview mit Still-Expertin Dagmar Heerten

Stillexpertin Dagmar Heerten

Julius Zöllner: Hallo Dagmar, wir freuen uns sehr, dass wir dich ab sofort zu den Themen „Stillen“ und „Sichere Schlafumgebung“ mit an Bord haben! Erzähle uns doch kurz etwas über dich und deinen Tätigkeitsbereich.

Dagmar Heerten: Danke, liebe Sabrina, dass ich euch ein wenig über die Tätigkeit einer Stillberaterin IBCLC erzählen darf. Ich z.B. habe mein Examen als IBCLC 1999 zum 1. Mal gemacht. Wir müssen alle 5 Jahre rezertifizieren , um zu garantieren immer auf dem neuesten Stand zu sein. Ich habe in einer großen Entbindungsklinik gearbeitet, war dort 7 Jahre lang als Stillbeauftragte der Klinik frei gestellt und habe mich in der gesamten Klinik um alle stillenden Mütter und ihre Kinder gekümmert. Ich habe eine Stillgruppe gegründet und 14 Jahre geleitet. Als Vertreterin der Klinik habe ich im Referat für Gesundheit der Stadt Gelsenkirchen mitgearbeitet. Wir haben 2010 den Gesundheitspreis (1.Platz) von NRW bekommen. Außerdem war ich 8 Jahre lang im Vorsitz des BDL (Berufsverband Deutscher Laktationsberater/innen) tätig. Neben ambulanter Beratungen bei Stillproblemen, betreue ich bei Babywelt Messen in Deutschland und in Österreich die Stilllounge. In der Familienbildungsstätte in Wilhelmshaven  gebe ich Infoabende zum Thema Stillen und betreue eine Stillgruppe.

Du bist Stillberaterin und betreust stillende Mamas oder Frauen mit Stillproblemen. Wie können solche Probleme aussehen und was kann man dagegen tun?
Die meisten Mütter melden sich, weil sie wunde Brustwarzen haben, das Kind zu wenig zunimmt, sie nicht mehr mit dem Stillhütchen stillen wollen und sich nicht trauen es zu versuchen ohne Unterstützung.

Kann jede Frau stillen?
Es gibt wenige Ausnahmen, weshalb eine Frau nicht stillen kann oder darf. Manchmal gibt es Erkrankungen oder Medikamente mit denen nicht gestillt werden kann. Leider hören viele Frauen bei den ersten Problemen auf, weil sie keine adäquate Unterstützung erhalten. Manchmal fehlt es auch an Rückhalt durch die Familie.

Welche Hilfsmittel gibt es?
Es gibt z.B. Stillhütchen, Milchpumpen - elektrisch oder Handpumpen. Brusternährungssets, die aber von Fachpersonal in der Anwendung begleitet werden sollten. Stillkissen können gerade am Anfang ein gutes Hilfsmittel beim Stillen sein. Da eine Stillmahlzeit in den ersten Wochen recht lange dauern kann, ist es wichtig, dass sich die Mutter bequem hinsetzt oder -legt. Die Unterarme ruhen auf dem Stillkissen, das Kind kann gut in Wiegehaltung oder in Rückhalteposition angelegtwerden. Nachts im Liegen zu stillen mit dem Stillkissen im Rücken ist entspannter als ohne. Viele Frauen benutzen ein Stillkissen schon in der Schwangerschaft, da sie sich so besser im Bett hinlegen können, Stillkissen im Rücken oder unter dem Bauch. Stillkissen sollten nicht zu klein sein, 180-190 cm sind ideal. Es sollte nicht zu prall gefüllt sein, damit es sich besser dem Körper anpassen kann. Waschbar sollte es sein, da Babys anfangs häufig spucken. Die Füllung sollte knisterarm sein da das Baby, wenn es hochgenommen wird, gerade beim Stillen eingeschlafen ist, oft durch das Knistern wieder wach wird. Natürlich sollte es keine Schadstoffe enthalten.

Wie lange sollte ein Baby gestillt werden? Gibt es hier eine Richtlinie?
Es wird von der WHO und BfR empfohlen: “6 Monate ausschließlich zu stillen und mit geeigneter Beikost, solange Mutter und Kind es wünschen“. Weltweites Abstillalter ist mit 2,5 Jahren empfohlen, das gibt es in den Industriestaaten eher seltener.

Neben deiner Funktion als Stillberaterin bist du auch ausgebildete Kinderkrankenschwester und hast viele Babys von der Geburt an begleitet. Die größte Sorge frischgebackener Eltern ist meist, eine sichere Schlafumgebung für den Neuankömmling zu schaffen. Was sind hier für dich die wichtigsten Voraussetzungen?
Das Neugeborene sollte im Schlafzimmer der Eltern, am besten direkt neben dem Bett der Eltern, schlafen im eigenen Bett. In Rückenlage im passenden Schlafsack. Wichtig ist auch eine feste, luftdurchlässige Matratze. Die Raumtemperatur sollte zwischen 16°C und 18°C liegen. Kein Himmelchen und kein Nestchen im Bettchen, sodass es nicht zum Wärmestau kommen kann.

Worauf sollte unbedingt bei der Verwendung eines Schlafsackes geachtet werden?
Das Wichtigste: der Schlafsack muss passen. Herauswachsen und nicht hineinwachsen lautet die Devise. Besonders wichtig ist die Größe des Hals- und der Armausschnitte. Sind diese zu groß, droht das Kind in den Schlafsack zu rutschen. Das Material sollte nicht zu schwer und atmungsaktiv sein. Innenschlafsäcke sind nicht unbedingt nötig, man kann das Kind entsprechend der Witterung im Schlafsack anziehen. Im Sommer weniger (z.B. nur einen Kurzarmbody) und im Winter einen Schlafanzug über den Body.

Wie ermittelt man die richtige Größe eines Schlafsackes?
Körpergröße – Kopflänge +10cm. Wenn das Kind ausgestreckt im Schlafsack liegt, sollten mindestens 10 cm bis zum Fußende des Schlafsackes Luft sein. Ausreichend Bewegungsfreiheit, das heißt: der Schlafsack sollte nicht zu eng sein, ist ebenso wichtig. Natürlich sollte er auch nicht zu weit sein, damit das Kind sich nicht bei seinen Bewegungen verheddert.

Viele Eltern haben Sorge, dass ihr Baby in seinem Schlafsack frieren oder überhitzen könnte. Wie kann man herausfinden, ob sich das Kleine wohlfühlt?
Neugeborene haben meist kalte Händchen, das sagt nichts über ihre Körpertemperatur aus. Am besten man fühlt im Nacken des Kindes die Temperatur. Wenn sich das Kind dort angenehm warm anfühlt ist es richtig. Ansonsten das Kind ein wenig wärmer anziehen. Keine Decke über den Schlafsack legen, lieber warme Söckchen und einen Langarmbody anziehen. Die Raumtemperatur auch im Sommer möglichst unter 20°C halten.

Vielen Dank für das Interview! Wir wünschen dir alles erdenklich Gute und viel Erfolg auf deinem weiteren Weg.
Lieben Dank, dass ich über zwei meiner Lieblingsthemen sprechen konnte.

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